Die Novelle Corpus Delicti von Juli Zeh ist eine erdachte Geschichte, die sich mit den Themen staatlicher Überwachung und Gesellschaftsentwicklung beschäftigt. In der Erzählung versucht Mia Hol, verzweifelt an die „Methode“ zu glauben und den Regeln und Vorschriften, die von der „Methode“ verordnet werden zu folgen, aber nachdem ihr Bruder wegen der Morde verurteilt wird, hat sie Schwierigkeiten daran zu glauben. Zeh macht es auch sehr deutlich, wie gefährlich es sein kann, wenn man anfängt keine Fragen mehr zu stellen und Forderungen einfach blind folgt. Die Gesellschaft überlässt alle Entscheidungen im Bezug auf Gesundheit und Lebensstil der Regierung und der „Methode“, und wird ständig durch einen Mikrochip im Oberarm überwacht. Sobald man etwas tut was nicht vorgeschrieben ist, alarmiert dieser Chip die Behörden und man wird, zum Beispiel, wegen einer Zigarette zu zwei Jahren Haft verurteilt. Freiheit gibt es in diesem Sinne nicht mehr. Erst nachdem ihr Bruder Moritz sich im Gefängnis umbringt weil selbst Mia daran zweifelte ob er unschuldig war, beginnt sie skeptisch zu werden. Als dann schließlich bewiesen wird, dass Moritz tatsachlich unschuldig war, und dass die „Methode“ einem unschuldigen Menschen das Leben gekostet hat, wird Mia misstrauisch und fängt an, an ihrem Glauben zu zweifeln.
Der Stil dieser Novelle ist sehr genau gewählt. Jedes Wort ist minuziös ausgewählt und akribisch arrangiert. Gleich von Anfang an kann dieser Stil erkannt werden. Zeh schreibt: „Hier und da schaut das große Auge eines Sees, bewimpert von Schilfbewuchs, in den Himmel...“ (Zeh). Die Art mit der sie ihre Worte aussucht ist eine genaue Widerspiegelung von dem, was sie in verschiedenen Interviews oft angemerkt hat: ihr Jurastudium ist mehr als nur eine Lehre der Gesetze und Regelungen, es ist auch eine Lehre von Sprache und Wörtern. Sie benutzt ihre Erfahrungen als Juristin und bringt dadurch etwas Besonderes in ihre Bücher und Geschichten.
Ich denke, dass die Tatsache dass Zeh Jura studiert hat, die Geschichte etwas plausibler, realistischer und erschreckender wirken lässt. Diese Novelle soll Menschen mit der Idee , dass wir immer noch selbst entscheiden können und müssen, wie wir unser Leben leben wollen, und dass dieses Recht so zentral zu unserer Existenz gehört, dass wir es schützen müssen. Obwohl diese Geschichte keine Sachliteratur ist, sind doch einige Elemente aus der Erzählung mit Elementen aus der realen Welt verwandt. Die „Methode“ ist eine erweiterte und energischer durchgesetzte Version des Grundgesetzes, der Mikrochip eine persönliche Überwachungskamera, und die Gesundheitsregelungen die neue Krankenversicherung. Zwar sind diese Vergleiche etwas extrem und eher unwahrscheinlich, aber das Problem, auf das Zeh uns aufmerksam machen will ist, dass dieses Szenario irgendwann, irgendwo in der Zukunft passieren könnte. Sie will uns zeigen, was es ist, wofür wir uns einsetzen müssen. Wir müssen verhindern, dass der gesunde Menschenverstand abhanden kommt.